Vor weniger als einem Jahr, am 21. Juli, lud mich Dai Wei ein, ihren neuen Büroraum im Zhongguancun Internet Finance Center zu besichtigen – ein Loft. Zuvor befand sich ihr Büro in einem benachbarten Wohngebäude. An diesem Tag hörte ich zum ersten Mal von ofo und ihrem Geschäftsmodell: Fahrräder zugänglich für alle Studenten auf einem Universitätscampus.
Mein erster Eindruck galt dem ofo-Logo. Ein englisches, bildhaftes Wortzeichen – ein kleines gelbes Fahrrad. Radikal schlicht, unmittelbar verständlich. Und dann diese jungen Gründer: frisch von der Universität oder kurz davor, mit leicht schüchternem Lächeln, aber entschlossenen, selbstbewussten Blicken. Das war mein erstes, sehr klares Gefühl für dieses Projekt.
Dai Weis Anforderungen an das neue Büro waren denkbar präzise:
„Ein Empfang, ein großer Besprechungsraum, zwei bis drei kleine Meetingräume, ein separates Finanzbüro. Alles andere offene Arbeitsplätze. Und ausschließlich elektrisch höhenverstellbare 9AM-Schreibtische.“
Mehr nicht. Die gestalterische Freiheit lag vollständig bei anySCALE. Es blieb mein erstes – und bis heute einziges – persönliches Treffen mit Dai Wei.
In den darauffolgenden zwei Wochen entwickelte unser Projektteam einen vollständigen Satz an Grundrissen und Visualisierungen und formulierte eine eigenständige Street-Culture-Atmosphäre für ofo. Ich teilte das Konzept inklusive eines animierten Rundgangs mit Hintergrundmusik – „Bicycle Love“ von Andy Vaz – in der Projekt-WeChat-Gruppe. Danach warteten wir auf die Einladung zur offiziellen Präsentation.
Zwei Tage später kam der Anruf des Auftraggebers:
„Vielen Dank, anySCALE. Wir sind mit dem neuen Bürodesign äußerst zufrieden. Alle möchten so schnell wie möglich einziehen. Bitte organisieren Sie umgehend Bau und nächste Schritte.“
Und das war alles.
Zwei Monate später – noch bevor wir das Projekt fotografieren konnten – war das Büro bereits vollständig bezogen. Zu diesem Zeitpunkt tauchten die gelben ofo-Fahrräder längst überall in den Straßen von Beijing auf, nicht mehr nur auf dem Campus.
Der weitere Verlauf ist aus den Medien bekannt. Mit rasantem Nutzerwachstum und massiver Kapitalunterstützung verbreiteten sich die gelben – später auch orangefarbenen – Fahrräder explosionsartig in der Stadt. Fast jedes Unternehmen mit extremem Wachstum durchläuft eine Phase maximaler Unordnung. ofo bildete da keine Ausnahme.
Als Gestaltungspartner dieses damals so erfolgreichen Shared-Bike-Unternehmens verstanden wir unsere Aufgabe darin, im Chaos Klarheit zu schaffen: eine eigenständige visuelle Identität für ofo zu formulieren, ohne Funktionalität und Komfort aus dem Blick zu verlieren. Das gelbe Fahrrad ist leicht zu fahren und cool – das gelbe Fahrradunternehmen sollte genauso funktionieren und genauso cool sein.
In der zweiten Expansionsphase entwickelten wir das Street-Culture-Konzept weiter. Leitsysteme und Pflanzen wurden in schlanke, an Straßenlaternen erinnernde Elemente integriert und zu prägnanten räumlichen Markenzeichen. Darüber hinaus entwarfen wir speziell für ofo gestaltete Kleiderständer, die Funktionalität und Design vereinen. Selbstverständlich kamen weiterhin durchgehend höhenverstellbare Schreibtische zum Einsatz – Ausdruck eines klaren humanistischen Ansatzes: Radfahren ist gesund, Arbeiten sollte es auch sein.
Es wird eine dritte Phase geben. Und eine vierte. Wie die gelben Fahrräder selbst werden sich auch die Büroräume kontinuierlich weiterentwickeln. ofo steht für eine neue, progressive Lebenshaltung – und unsere Gestaltung muss diese Entwicklung begleiten oder ihr sogar vorausgehen. Bald wird man es sehen, hören oder fühlen:
Eine ganze Stadt in strahlendem Gelb.
